Wenn ich schon immer
über die Kampfkunstforen meckere, muss ich auch mal was Positives melden: Jetzt gibt es gerade einen interessanten Fred (thread) über Frauen im Taiji. Die Ausgangsfrage war: Die Taiji-Klassen sind voll von Frauen, aber lehrende Meisterinnen gibt es nur wenige. Woran könnte das liegen? Nach einigen eher allgemeineren Statements und Hinweisen, dass es wohl überall gute Lehrerinnen und Taijilerinnen gibt, kam von GilesTCC folgender sehr schöner Beitrag, den ich hier mal ausführlich zitiere, weil ich ihn so gut finde:
Ich vermute, es liegt zum Teil an den Methoden des Taijiquan als Kampfkunst. Ich kenne viele Frauen, die die Soloformen - Handformen und Waffen - von Taijiquan gerne machen und teils ziemlich intensiv trainieren. Das kann man mit sowohl Ruhe/Entspannung und mit einem Gefühl der Ästhetik machen. Manche unterrichten dann auch entsprechend.
Und dann gibt es Tuishou (wir lassen Anwendungen/SV und Sparring erstmal weg). Auch da kenne ich immerhin etliche Frauen, die Tuishou bis auf eine bestimmte Ebene gerne machen. Wenn man die Aspekte von Entspannung und Wahrnehmung/Sensibilität betont, dann haben auch genug Frauen ihren Spaß daran. Diese sind auch sehr wichtige Aspekte, aber zugleich nur Teilaspekte bzw. Vorübungen, für das eigentliche Taijiquan als Kampfkunst.
Das "Problem" kommt vor allem bei der nächsten Stufe, wenn es heisst: Jetzt pusht der Partner zielgerichtet (was längst noch nicht 'brutal' bedeutet) auf meine Mitte, und ich soll diesen Push mittels der "schönen Entspannung" abwehren. Wie soll das gehen? Die Antwort: mann/frau muß diese "feindliche Energie" gewissermaßen akzeptieren, "in sich hineinlassen", um damit den Impuls zu neutralisiern/transformieren. Selbst wenn das äusserlich wie ein kurzes, zackiges Abprellenlassen aussieht, muß man trotzdem dieses "in sich hineinlassen" finden. Das ist für fast alle, ob Mann oder Frau, anfangs schwer hinzukriegen. Aber, meiner Erfahrung nach, scheint es für vielen Frauen auf der psychischen Ebene noch schwieriger/brisanter zu sein, als es für Männer ist. Es ist nicht unbedingt das "Kämpfen", was schwierig ist, sondern das "Zulassen", wenn der andere eine 'aggressive' Energie produziert.
Zwei konkrete Beispiele, aber ich könnte viel mehr davon nennen:
- Eine Frau - die Freundin einer meinen Schüler, die schon früher etwas Taikwodo gemacht hatte - sagte mir, nach einem halben Jahr, daß Tuishou ihr irgendwie "zu nah" ginge. Danach hat sie ihr Glück bei Stockkampfkunst (Modern Arnis, glaube ich) gefunden. Sie meinte, mit den Stöcken sei alles viel deutlicher, sie konnte die Abgrenzung viel besser bestimmen und fühlen und fühlte sich wohler damit. Völlig in Ordnung.
- Neulich bei einem Kurs ("Taijiquan als Kampflunst") auf der Uni sagte mir nach 6 Wochen eine junge Dame etwas ähnliches. Sie machte Karate seit einigen Jahren und hatte auch schon Sparring gemacht. Sie konnte spüren, sagte sie, daß der "weiche" (ihr Wort, nicht meins) Ansatz von Taijiquan erstaunlicherweise gut funktionieren würde, und daß sie mit ihren Techniken nicht dagegen ankamen. Sie würde auch spüren, daß meine (wohldosierte!!) "weiche" Schläge oder Hebeln sehr effektiv sei. Aber ihre "harte" Techniken würden ihr zugleich ein Gefühl der Sicherheit geben und sie wollte sich nicht wieder verunsichern lassen (ihren "Schutz" aufgeben), indem sie sich auf Taijiquan einlässt. Sie würde zwar logisch erkennen, daß sie sich auf Dauer auch gut (oder vielleicht noch besser) mit Taijiquan würde "schützen" können, aber die Reise dahin wäre für sie zu verunsichernd. Auch in Ordnung.
Hier möchte ich betonen, daß meine Art, Tuishou und Anwendungen zu unterrichten, nicht dem "Kuscheltaiji" zuzuordnen ist, und auch schon technisch keine Gelegenheit für "grabschen" oder ähnliches bietet. Die Trainingskultur und die Auswahl von Schülern schliesst das ebenfalls ziemlich gut aus.
Das Problematik kann theoretisch jeden, Mann oder Frau, betreffen. Aber in der Praxis scheint es für die meisten Frauen noch schwieriger zu sein. Vielleicht ist es so (?), daß die allemeisten Frauen, die bereit/gewollt sind, sich mit Kampfkunst und Selbstverteidigung auseinanderzusetzen sind, eine KK suchen, die eine klare und sofort deutliche Abgrenzung zum anderen geben. Vielleicht muß man als Frau diese Angrenzung noch deutlicher entwicklen/zeigen. (??) Das könnte wiederum an die Rollen (passiv, "nachgiebig", "nett sein müssen"), die Frauen in unsere Gesellschaft noch meistens zugeschoben werden.
Natürlich ist es so, daß Taijiquan auch sehr klare Angrenzung beinhaltet. Und zwar eine, die auf viel mehr Abständen oder "Schichten" funktioniert, als bei dem Gros der KKs. Selbst mit einem sehr "weichen" Lü-jin setzt man immer noch eine effiziente Grenze, da die eigene Mitte für den Gegner unerreichbar bleibt. Aber der Weg dahin ist viel "unsicherer", und bis man die Techniken/Prinzipien beherrscht, kann man sich sehr "nackt" fühlen. Und für viele - obwohl doch nicht alle - Frauen, scheint das psychsich besonders schwierig.
Eine sehr gute Beobachtung. Als Mann kann ich da wenig zu sagen. Aber es hört sich schon sehr plausibel an. Was einige Frauen im Forum bestätigten. Und noch einmal auf die Spitze trieben: Es geht um das verführen / einladen / hineinlassen (absichtlich so formuliert, damits leichter klingelt, was daran für viele frauen ein problem sein könnte). Wobei das natürlich auch für Männer ein Problem sein sollte. Wahrscheinlich es das aufgrund mangelnder Sensibilität nicht. Oder wir haben bessere Abgrenzungsmechanismen. Können also jemanden reinlassen und immer kontrollieren, wie weit es geht bzw. wann es zu viel wird. Frauen anscheinend nicht. Da geht es wohl um ein Entweder ganz oder gar nicht.
Zum Unterschied von Taiji und Tanzen schrieb Tsange aus Wien: der unterschied ist die kontrolle über die eigenen grenzen.
deshalb kann ein tanz mit einem aufdringlichen menschen ähnlich unangenehm sein wie gepushed werden von jemand, dem das auf drängende bis feindselige weise gelingt, während eine kampfübung im gegenseitigen vertrauen oder auch mit einem aggressiven ehrgeizling, den man die ganze zeit kontrolliert, ähnliches vergnügen wie das tanzen machen kann.
beim tanz ist frau halt im vorteil, weil sie bei der geringsten überschreitung ihrer grenzen einfach die entrüstungskarte ziehen kann.
in beiden fällen spielt es für die bedrohungsgrenze eine große rolle, wie sicher sich jemand seiner eigenen inneren unversehrbarkeit ist. tanzen und (besonders nach taiji-art) kämpfen sind beides situationen, die eine intimität erzeugen und auch erfordern - man kriegt gegenseitig viel wahrnehmung und zugriff; wenn da die innenstruktur überschwemmbar ist, ist die bedrohung zwangsläufig sehr tiefgehend.
Ich vermute, es liegt zum Teil an den Methoden des Taijiquan als Kampfkunst. Ich kenne viele Frauen, die die Soloformen - Handformen und Waffen - von Taijiquan gerne machen und teils ziemlich intensiv trainieren. Das kann man mit sowohl Ruhe/Entspannung und mit einem Gefühl der Ästhetik machen. Manche unterrichten dann auch entsprechend.
Und dann gibt es Tuishou (wir lassen Anwendungen/SV und Sparring erstmal weg). Auch da kenne ich immerhin etliche Frauen, die Tuishou bis auf eine bestimmte Ebene gerne machen. Wenn man die Aspekte von Entspannung und Wahrnehmung/Sensibilität betont, dann haben auch genug Frauen ihren Spaß daran. Diese sind auch sehr wichtige Aspekte, aber zugleich nur Teilaspekte bzw. Vorübungen, für das eigentliche Taijiquan als Kampfkunst.
Das "Problem" kommt vor allem bei der nächsten Stufe, wenn es heisst: Jetzt pusht der Partner zielgerichtet (was längst noch nicht 'brutal' bedeutet) auf meine Mitte, und ich soll diesen Push mittels der "schönen Entspannung" abwehren. Wie soll das gehen? Die Antwort: mann/frau muß diese "feindliche Energie" gewissermaßen akzeptieren, "in sich hineinlassen", um damit den Impuls zu neutralisiern/transformieren. Selbst wenn das äusserlich wie ein kurzes, zackiges Abprellenlassen aussieht, muß man trotzdem dieses "in sich hineinlassen" finden. Das ist für fast alle, ob Mann oder Frau, anfangs schwer hinzukriegen. Aber, meiner Erfahrung nach, scheint es für vielen Frauen auf der psychischen Ebene noch schwieriger/brisanter zu sein, als es für Männer ist. Es ist nicht unbedingt das "Kämpfen", was schwierig ist, sondern das "Zulassen", wenn der andere eine 'aggressive' Energie produziert.
Zwei konkrete Beispiele, aber ich könnte viel mehr davon nennen:
- Eine Frau - die Freundin einer meinen Schüler, die schon früher etwas Taikwodo gemacht hatte - sagte mir, nach einem halben Jahr, daß Tuishou ihr irgendwie "zu nah" ginge. Danach hat sie ihr Glück bei Stockkampfkunst (Modern Arnis, glaube ich) gefunden. Sie meinte, mit den Stöcken sei alles viel deutlicher, sie konnte die Abgrenzung viel besser bestimmen und fühlen und fühlte sich wohler damit. Völlig in Ordnung.
- Neulich bei einem Kurs ("Taijiquan als Kampflunst") auf der Uni sagte mir nach 6 Wochen eine junge Dame etwas ähnliches. Sie machte Karate seit einigen Jahren und hatte auch schon Sparring gemacht. Sie konnte spüren, sagte sie, daß der "weiche" (ihr Wort, nicht meins) Ansatz von Taijiquan erstaunlicherweise gut funktionieren würde, und daß sie mit ihren Techniken nicht dagegen ankamen. Sie würde auch spüren, daß meine (wohldosierte!!) "weiche" Schläge oder Hebeln sehr effektiv sei. Aber ihre "harte" Techniken würden ihr zugleich ein Gefühl der Sicherheit geben und sie wollte sich nicht wieder verunsichern lassen (ihren "Schutz" aufgeben), indem sie sich auf Taijiquan einlässt. Sie würde zwar logisch erkennen, daß sie sich auf Dauer auch gut (oder vielleicht noch besser) mit Taijiquan würde "schützen" können, aber die Reise dahin wäre für sie zu verunsichernd. Auch in Ordnung.
Hier möchte ich betonen, daß meine Art, Tuishou und Anwendungen zu unterrichten, nicht dem "Kuscheltaiji" zuzuordnen ist, und auch schon technisch keine Gelegenheit für "grabschen" oder ähnliches bietet. Die Trainingskultur und die Auswahl von Schülern schliesst das ebenfalls ziemlich gut aus.
Das Problematik kann theoretisch jeden, Mann oder Frau, betreffen. Aber in der Praxis scheint es für die meisten Frauen noch schwieriger zu sein. Vielleicht ist es so (?), daß die allemeisten Frauen, die bereit/gewollt sind, sich mit Kampfkunst und Selbstverteidigung auseinanderzusetzen sind, eine KK suchen, die eine klare und sofort deutliche Abgrenzung zum anderen geben. Vielleicht muß man als Frau diese Angrenzung noch deutlicher entwicklen/zeigen. (??) Das könnte wiederum an die Rollen (passiv, "nachgiebig", "nett sein müssen"), die Frauen in unsere Gesellschaft noch meistens zugeschoben werden.
Natürlich ist es so, daß Taijiquan auch sehr klare Angrenzung beinhaltet. Und zwar eine, die auf viel mehr Abständen oder "Schichten" funktioniert, als bei dem Gros der KKs. Selbst mit einem sehr "weichen" Lü-jin setzt man immer noch eine effiziente Grenze, da die eigene Mitte für den Gegner unerreichbar bleibt. Aber der Weg dahin ist viel "unsicherer", und bis man die Techniken/Prinzipien beherrscht, kann man sich sehr "nackt" fühlen. Und für viele - obwohl doch nicht alle - Frauen, scheint das psychsich besonders schwierig.
Eine sehr gute Beobachtung. Als Mann kann ich da wenig zu sagen. Aber es hört sich schon sehr plausibel an. Was einige Frauen im Forum bestätigten. Und noch einmal auf die Spitze trieben: Es geht um das verführen / einladen / hineinlassen (absichtlich so formuliert, damits leichter klingelt, was daran für viele frauen ein problem sein könnte). Wobei das natürlich auch für Männer ein Problem sein sollte. Wahrscheinlich es das aufgrund mangelnder Sensibilität nicht. Oder wir haben bessere Abgrenzungsmechanismen. Können also jemanden reinlassen und immer kontrollieren, wie weit es geht bzw. wann es zu viel wird. Frauen anscheinend nicht. Da geht es wohl um ein Entweder ganz oder gar nicht.
Zum Unterschied von Taiji und Tanzen schrieb Tsange aus Wien: der unterschied ist die kontrolle über die eigenen grenzen.
deshalb kann ein tanz mit einem aufdringlichen menschen ähnlich unangenehm sein wie gepushed werden von jemand, dem das auf drängende bis feindselige weise gelingt, während eine kampfübung im gegenseitigen vertrauen oder auch mit einem aggressiven ehrgeizling, den man die ganze zeit kontrolliert, ähnliches vergnügen wie das tanzen machen kann.
beim tanz ist frau halt im vorteil, weil sie bei der geringsten überschreitung ihrer grenzen einfach die entrüstungskarte ziehen kann.
in beiden fällen spielt es für die bedrohungsgrenze eine große rolle, wie sicher sich jemand seiner eigenen inneren unversehrbarkeit ist. tanzen und (besonders nach taiji-art) kämpfen sind beides situationen, die eine intimität erzeugen und auch erfordern - man kriegt gegenseitig viel wahrnehmung und zugriff; wenn da die innenstruktur überschwemmbar ist, ist die bedrohung zwangsläufig sehr tiefgehend.
Herr Yang - 6. Apr, 08:52